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Man nimmt Henning Scherf jedes Wort ab, er ist glaubwürdig, überzeugend und gewinnend. Einsamkeit im Alter verabscheut der prominente Politiker wie der Teufel das Weihwasser, und das macht er auch sehr deutlich. Wenn Henning Scherf zu Gast ist und über das Alter spricht, fühlt sich jeder angenommen, jeder wird einbezogen und jeder ist wichtig. Das sagt er nicht nur, er zeigt es. So auch im katholischen Pfarrheim.

Nette Worte für jeden

Jeder Besucher wird persönlich begrüßt, viele in den Arm genommen, nette Worte für jeden und die, die zu spät kommen, werden von ihm zum Platz gebracht. An diesem Abend gehören eben alle dazu, es wird ein Abend über Generationen hinweg, ohne Barrieren körperlicher Schwachstellen des Alters, jede Meinung ist gefragt und gefordert.

Langeweile kommt auch nach zwei Stunden nicht auf, der unermüdliche 74-Jährige erzählt aus seinem Leben, lässt andere erzählen und fragen, und gemeinsam kommt man auf alternative Möglichkeiten, mit denen dem „Ruhigstellen“ begegnet werden kann.

Zu später Stunde verlässt Henning Scherf als einer von vielen das Pfarrheim Richtung Meyerhof, denn dort liegen die familiären Wurzeln, die ihn mit Belm verbinden. An diesem Abend ging sein Wunsch und der vieler Besucher in Erfüllung: Es waren unterhaltsame und zugleich tief gehende Stunden, bereichert von einer großen Gemeinschaft.

„Offen sein ist ein Jungbrunnen“ sagte der rüstige Bremer. Offenheit gegenüber neuen Lebensmodellen ist auch notwendig, denn das Leben verlängert sich, während es an Nachwuchs fehlt. Ein langes Leben ist ein Geschenk, das mit Lebensqualität auszufüllen ist. „Wir dürfen alte Menschen nicht auf die grüne Wiese bringen“, so Scherf. Stattdessen an vertrauten Orten lassen, nicht wegschieben, nicht von der Gesellschaft trennen, denn Senioren brauchen Anregungen und neue Impulse. „Hauptsache, sie sind mittendrin“, sagte Scherf.

Vom generationenübergreifenden, aktiven Miteinander profitieren alle, auch von der Erfahrung älterer Arbeitnehmer. Statt vorzeitigem Ruhestand altersgerechte Arbeit, statt Pflegeheim ambulante Betreuung, statt Essen auf Rädern lieber das Gemüse selbst putzen, dann schmeckt alles besser.

Sorgen bereitet dem engagierten Autor die zunehmende Zahl älterer Menschen, die mit Magensonden ernährt werden, weil niemand Zeit hat, sie zu füttern. Auf die Palme geht Scherf, wenn er von preiswerter Pflege unter thailändischer Sonne hört. Senioren gehören dorthin, wo sie emotionale, soziale und persönliche Haltepunkte haben, wo sie mit jungen und älteren Menschen kommunizieren können. „Je mehr und je bunter, desto besser“, sagte Henning Scherf.

Altenheime öffnen

In Pflegeheimen liege keine Zukunft, stationäre Pflege sei eine Sackgasse, sagte Scherf. Altenheime sollten sich öffnen, sie könnten sich zu generationsübergreifenden Stadtteilzentren entwickeln, in denen gemeinsames Wohnen und individuelle Pflege möglich seien. Derartige neue Wohnmodelle seien auch in Belm denkbar, meinte Henning Scherf.

Wenn er von alternativen Wohnmöglichkeiten spricht, fließen die Erfahrungen seines eigenen Lebens ein. Seit 25 Jahren lebt Henning Scherf mit zurzeit acht Mitbewohnern in einer Wohngemeinschaft in Bremen.